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40 Jahre nach dem Sechstagekrieg - wo steht Israel heute?

Vortrag von Jacques Ungar, Leiter des Nahostbüros der jüdischen Wochenmagazins


Als im Juni 1967 der Sechstagekrieg ausbrach, studierte ich an der Universität Basel. Mobile Telefonapparate waren damals noch nicht in Mode, doch in jenen für Israel schicksalsschweren Tagen begann sehr rasch, ein anderer Kopfschmuck die Häupter von Jung und Alt an allen möglichen und unmöglichen Orten zu zieren, auch an der Uni: Die kleinen Kopfhörer der Taschenradios, die Einem die
Dem Kleinstaat Israel – in vieler Hinsicht damals eine Parallele zur Schweiz – dem Kleinstaat Israel war es gelungen, sich die gegnerische Übermacht vom Halse zu halten. Die Euphorie, die den mit einem Male nicht mehr so kleinen Staat ergriff, war einerseits verständlich, andrerseits aber so gewaltig und durchdringend, dass für langfristiges, kühles Denken kaum noch Raum blieb.
Das bekam ich auch bei dem Besuch zu verspüren, den ich Israel und den Gebieten als junger Journalist zwei Wochen nach Kriegsende abstattete. Einmal bekam ich während zehn Tagen ein Fahrzeug mit Chauffeur zur Verfügung gestellt, mit dem ich ohne Rücksicht auf irgend welche Kosten das nun bedeutend grösser gewordene Land nach eigenem Gutdünken durchstreifen konnte – eine Ehre, die heute höchstens noch Blättern wie der «New York Times», der «Zeit» oder der «Financial Times» widerfährt, nicht aber einem Schweizer Korrespondenten von viel grösseren Publikationen wie «tachles». Im Spätsommer 1967 aber lag die Grenze der Israelis eindeutig jenseits des Himmels. Kein Wunder, hatte man doch drastisch überlegenen Armeen der Nachbarstaaten das Nachsehen erteilt. Diese ebenso verständliche wie kurzsichtige und gefährliche Stimmung schlug mir entgegen, als ich die Geisterstadt Kuneitra auf dem Golan besichtigte, aber auch als ich zusammen mit anderen Journalisten in einer Hercules-Transportmaschine auf die Sinaihalbinsel flog, wo uns Generalstochter Yael Dayan auf dem Mitla-Pass die russischen Boden-Luft-Raketen zeigte, welche die Ägypter vor ihrem überhasteten Rückzug weder abschiessen noch zerstören konnten.
Der Sechstagekrieg brachte Israel die Faszination des Sieges, er liess nach seinem Ende aber auch viel Negatives entstehen. Schlimmer noch als die innenpolitischen Krisen war die Erkenntnis, mit der Israel sich bis heute schwer tut: Werden die militärischen Erfolge nicht in politische umgemünzt, schwimmen die Felle davon wie in einem reissenden Fluss. Das dreifache Nein des Gipfeltreffens der Arabischen Liga vom August 1967 in Khartum – keine Verhandlungen mit Israel, keine Anerkennung und kein Frieden – demonstrierte Israel, dass seine Bäume noch lange nicht in den Himmel wachsen würden, und dass der jüdische Staat trotz seines glänzenden Abschneidens auf dem Schlachtfeld im Nahen Osten noch lange würde isoliert und bedroht bleiben müssen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Israel nach Kriegsende bereit war, im Rahmen von Verhandlungen praktisch alle eroberten Gebiete zurück zu geben, wie dies auch Walter Lacquer in seinem Buch «The Road to War» darstellt. Und der ehemalige israelische Uno- Botschafter und Staatspräsident Haim Herzog schrieb in seinem 1982 erschienenen Buch «The Arab-Israeli Wars». Ich zitiere: "Israels Überzeugung, dass der Krieg ein Ende haben und von nun an Friede an den Grenzen herrschen würde, wurde rasch zerstört. Drei Wochen nach Beendigung der Kampfhandlungen kam es am Suezkanal bereits zum ersten ernsten Zwischenfall." Ende Zitat. Schliesslich möchte ich in diesem Zusammenhang auch noch auf Abba Eban hinweisen, den
Die schon 1967 erfahrene Schwierigkeit, den kurzlebigen militärischen Erfolg in
Fähigkeit der Regierung, adäquat auf die Herausforderungen des Krieges zu reagieren. Dem bereits zurückgetretenen Generalstabchef Halutz schliesslich wirft die Kommission vor, impulsiv gehandelt und das nötige Mass an Professionalität, Verantwortungsbewusstsein und Beurteilungsvermögen nicht bewiesen zu haben. Die Kommission verzichtete zwar auf persönliche Empfehlungen, doch in Umfragen unmittelbar nach Veröffentlichung des Berichts sprachen sich 65-68 Prozent der Israeli für einen Rücktritt Olmerts aus. Bei Peretz waren es gar 75-85 Prozent. Dass beide Minister von einem Rücktritt nichts wissen wollten und wollen, ist aus ihrer persönlichen Sicht zwar verständlich, stellt aber der Qualität der politischen Führungsschicht ein bedenkliches Zeugnis aus.
Kehren wir zurück zu 1967. Israelkritisch eingestellte Politiker und Experten meinten, Israel habe den Sechstagekrieg am siebenten Tag verloren, als es beschloss, die Gebiete zu behalten und zu besiedeln, als aus dem Kleinstaat ein nicht mehr so kleiner Staat wurde, der dank seiner militärischen Überlegenheit im Nahen Osten durchaus die Formen einer regionalen Grossmacht angenommen hatte. Und je deutlicher die ausbildungsmässige, moralische und ausrüstungsmässige Überlegenheit Israels seinen Nachbarn gegenüber auch für das Ausland wurde, umso stärker wuchs die Sympathie in weiten Teilen der Welt für den neuen Unterhund des Konflikts, für die Palästinenser. Parallel dazu nahm die Kritik an Israel zu. Daran hat sich bis heute gross modo wenig geändert.
Allerdings wäre es ein Trugschluss, den palästinensischen Terrorismus als Folge
der Gegnerschaft gegen die jüdischen Siedlungen in der Westbank und im Gazastreifen hin zu stellen und, wie es immer wieder versucht wird, als Widerstand gegen die Besatzung zu legitimieren. Die ersten Gewaltakte gegen israelische Ziele verübten die Fedayiun der Fatah nämlich bereits im Jahre 1965, als es weit und breit noch keine Siedlungen gab. Diese Erkenntnis reduziert zwar die Problematik der israelischen Bautätigkeit in den Gebieten nicht, relativiert aber die Stichhaltigkeit palästinensisch-arabischer Argumente in der Sache ganz wesentlich.
Eine weitere Folgeerscheinung des Sechstagekriegs wird oft übersehen, obwohl sie kaum weniger wichtig ist als die bisher beschriebenen. Mit Ägyptens und Syriens Niederlagen gegen Israel wurde der hauptsächlich von Gamal Abdel Nasser und seinen syrischen Verbündeten angestrebte Panarabismus endgültig begraben. An seiner Stelle trat im Laufe der Jahre der Pan-Islamismus oder der Welt-Jihad, eine Erscheinung, an deren Gefährlichkeit für den ganzen Nahen Osten, nicht nur für Israel, und darüber hinaus für die ganze freie Welt heute kaum noch jemand zweifelt. Das Perfide an diesen Bewegungen ist, dass sie offiziell nicht von souveränen Staaten getragen werden, und dass sie weder Hierarchien im politischen Sinne noch geografische Grenzen kennen. Wenige Jahrzehnte, nachdem Washington sich am Vietcong die Zähne ausgebissen hat, muss die von den USA dominierte Anti-Terror-Koalition mit den Schwierigkeiten in Afghanistan und dem Debakel im Irak am eigenen Leib erfahren, dass Fanatiker und Fundamentalisten sich nicht mitherkömmlichen Konzepten und Vorgehensweisen in die Knie zwingen lassen. Zu tief ist die Kluft, welche die Wertvorstellungen und Prioritätenliste der beiden Seiten trennt. Diese Tatsache macht auch Israel immer dann zu schaffen, wenn es mit Terrorverbänden einen Gefangenenaustausch aushandeln muss. Der Gegner weiss nämlich ganz genau, dass Israels alles zu tun bereit ist, um seine Soldaten – seien es Gefangene oder Gefallene - aus Feindeshand zu befreien. In der Retrospektive zeigt sich dann, dass das, was Israel zu tun bereit ist, nicht selten zu viel ist. Dann nämlich, wenn eingefleischte Terroristen wenige Woche nach ihrer Freilassung wieder zu ihrem alten Metier zurückfinden und mit Anschlägen auf der israelischen Seite erneut für Tote und Verletzte sorgen. Die Abwägung einerseits zwischen der Verpflichtung von Armee und Politiker, keine Wehrmänner dem Feind zu überlassen, und andrerseits dem Risiko weiterer unschuldiger Opfer infolge der Freilassung von Terroristen, ist ein Dilemma, dessen praktische Unlösbarkeit sich
Denken wir wieder vierzig Jahre zurück. - Der Sechstagekrieg liess den Staat Israel flächenmässig in weniger als einer Woche dreieinhalb Mal grösser werden als er vor Kriegsausbruch gewesen ist. Touristen strömten zu abertausenden ins Land, Israel bezog Erdöl aus den ägyptischen Quellen im Sinai, und sogar der sonst eher für seine Nüchternheit bekannte Abba Eban meinte, nie zuvor sei Israel von den Nationen der Welt mehr verehrt und respektiert worden als nach Beendigung der Kriegshandlungen im Juni 1967. An der Geheimsitzung vom 19. Juni 1967 gehörte Abba Eban aber zu jenen Ministern, die das Prinzip «Gebiete gegen Frieden» befürworteten. Einerseits meinte er zwar, die Araber müssten einsehen, dass die Uhr sich nicht mehr bis 1957 oder 1948 zurück drehen lasse, doch Gespräche über Frieden und Sicherheit hätten zweifelsohne auch eine «territoriale Dimension». Dabei realisierten die zuständigen Politiker und Militärs überhaupt nicht oder zu spät, dass ihre im Juni 1967 entstandene Euphorie auf einer immer hohleren Unterlage balancierte, einer Unterlage, die immer dünner wurde, bis sie 1973 im Jom-Kippur-Krieg mit seinen katastrophalen Folgen für Armee und Volk völlig in die Brüche ging. Den gesellschaftlichen Tiefpunkt erreichte dieses Trauma über zwanzig Jahre später, als ein religiös erzogener Jude Premierminister Yitzchak Rabin im Anschluss an eine Friedensdemonstration erschoss. Aus der Kluft, welche die Schüsse vom November 1996 aufgerissen haben, hat das Volk sich bis heute noch nicht wieder voll empor gerappelt.
Nach dem Sieg im Juni 1967 kam die Wende schon relativ bald. Die zahlreichen
Eines der drastischsten Beispiele für die Verwischung von Wunschtraum und Realität in den Jahrzehnten nach dem Sechstagekrieg ist die Situation in Jerusalem. Ich selber habe über die Hälfte der vierzig Jahre nach dem Krieg in Israels Hauptstadt zugebracht und die Entwicklung beziehungsweise Stagnation der Situation hautnahe mit erlebt. Daher kann ich mit einiger Befugnis das vorläufige Fazit ziehen: Das von der Knesset verabschiedete Gesetz mag das jüdische West- und das arabische Ost-Jerusalem zwar legal vereint haben, und von den Stacheldrähten und Zementmauern, die bis zum Sechstagekrieg die Stadt entzwei geschnitten haben, ist heute nichts mehr zu sehen. Faktisch aber, im täglichen Leben, sind die beiden Jerusalems heute so geteilt wie seit eh und je. Dass die Annexion Ost-Jerusalems und der Altstadt einer «gigantischen Improvisation» gleich käme, hätten, wie Professor Wasserstein in seinem Buch «Divided Jerusalem: The Struggle for the Holy City» schreibt, die wirklich weisen Köpfe in Israels Regierung schon kurz nach Kriegsende 1967 vorausgesagt. Innenminister Shapira etwa warnte, dass ein Festhalten an der Altstadt sich zu einem «politischen Problem» entwickeln würde. «Wenn sie in unserer Hand ist», meinte der Minister, «werden sie sich an uns mit der Aufforderung wenden, die Stadt zu internationalisieren.» Premierminister Levi Eshkol sagte es noch klarer: «Sogar wenn wir die Altstadt und die Westbank erobern, werden wir sie letzten Endes verlassen müssen.» Ende Zitat.
Bekanntschaften oder gar Freundschaften über die imaginäre Grenze hinweg sind
Wenden wir uns nun einem weiteren Themenkreis zu, der ebenfalls als direkte Folge des Sechstagekriegs und vor allem der Weigerung der Araber, zu verhandeln, bezeichnet werden kann: Dem Siedlungsbau in der Westbank und im Gazastreifen. Was als pfadfinderartige, ideologisch motivierte Ausflüge meist jugendlicher Israeli in Begleitung von Rabbinern, Soldaten und Politikern zu historischen Stätten der jüdischen Vergangenheit in der Westbank begonnen hatte, hat sich in vierzig Jahren seit 1967 zu einem Problem für alle israelischen Regierungen entwickelt, die eine auf territorialen Zugeständnissen basierende Kompromisslösung mit den Palästinensern anstreben. Abgesehen davon, dass mit Ausnahme der Regierungen Rabin und der letzten, von Ariel Sharon geleiteten Regierung keine israelische Führungsspitze seit 1967 wirklich ernsthaft und systematisch die Thematik der besetzten, befreiten oder kontrollierten Gebiete angegangen ist, stehen wir heute rein quantitativ vor einem Dilemma kaum lösbarer Grössenordnung: Über 250000 israelische Bürger und Bürgerinnen wohnen heute in Siedlungen jenseits der «grünen Linie», der Waffenstillstandslinie vom Vorabend des Sechstagekriegs. Nehmen wir die in den neuen, nach 1967 entstandenen Vierteln von Jerusalem wohnenden Menschen hinzu, kommen wir gar auf rund 400000 Personen. Rein mengenmässig verblassen im Vergleich dazu die 8000 Siedler, die im Sommer 2005 auf Befehl von Ariel Sharon, dem ehemaligen Vorkämpfer der Siedlerbewegung, den Gazastreifen gezwungenermassen verlassen mussten.
Auch wenn, wie bereits gesagt, das israelische Siedlungswerk jenseits der «grünen Linie» von den Palästinensern und Arabern seit Jahrzehnten nur zum Vorwand für politische und terroristische Angriffe gegen den jüdischen Staat benutzt wird, kann man Israel den Vorwand nicht ersparen, mit seinem expansionistischen Vorgehen in den Gebieten der Gegenseite die Argumente für ein Ablehnen von Kompromissvorschlägen auf dem silbernen Tablett zu liefern. Ob hier seit 1967 Dummheit, Naivität, oder Arroganz die Leitmotive waren, oder kalte Berechnung und ein Hoffen darauf, dass die Welt sich wegen ein paar Hütten auf ein paar Hügeln schon nicht aufregen würde – darüber werden sich dereinst die Historiker die Köpfe zerbrechen dürfen. Unumstössliche Tatsache ist hingegen, dass seit Beginn der Bautätigkeit in den Gebieten dutzende Milliarden von Shekeln über die «grüne Linie» geflossen sind, sei es in Direktinvestitionen in die Siedlungen beziehungsweise in das zur Vermeidung von Konfrontationen mit der palästinensischen Bevölkerung die Gegend wie ein Spinnennetz überziehende System von Umfahrungsstrassen, in erheblichen Steuervergünstigungen für die dort lebenden Siedler, aber auch in die gewaltigen Kosten für die Bewachung der jüdischen Präsenz in der Westbank. Diese Gelder wurden und werden damit zumindest teilweise dem unterentwickelten und nur dünn besiedelten Norden und Süden Israels vorenthalten.
Es wäre falsch zu behaupten, alle Siedler seien ideologische Heisssporne, die nur
Aber auch die ideologischen Siedler kann man nicht pauschal verantwortlich machen für das, was sich seit Jahren in den Gebieten abspielt. Viele dieser Siedler sind nämlich getreu, um nicht zu sagen blindlings dem Ruf von Rabbinern und Politikern gefolgt, welche die Besiedlung der Gebiete nicht nur als göttliches Gebot hingestellt sondern den Akt auch als die wirkungsvollste Möglichkeit interpretiert haben, Israel als jüdischen Staat am Leben zu erhalten. Hinzu kommt, dass linke wie rechte Regierungen potenzielle Siedler in den 70er und 80er Jahren mit finanziellen Anreizen in die Gebiete gelockt hatten, die so verlockend waren, dass vor allem junge Ehepaare, die sich im Kernland keine Wohnung leisten konnten, mit beiden Händen zugriffen. Damals wollten israelische Regierungen aus politischtaktischen Gründen möglichst viele loyale Bürger jenseits der «grünen Linie» sehen. Heute, wo sie das nicht mehr so unbedingt wollen, werden sie die bereits in der zweiten, oft schon in der dritten Generation in der Westbank sitzenden Geister nicht mehr los, die sie gerufen haben. Im Gegenteil: Neben den so genannt offiziellen Siedlungen zählt man heute über hundert illegale oder unbewilligte Aussenposten, die vorwiegend von der so genannten «Jugend der Hügel» bewohnt sind, fanatisierte ideologische Teenager, die in den sie beschützenden Soldaten Feinde sehen und die sogar ihre eigenen Rabbiner nur bedingt als Autorität anerkennen. Immer wieder verkünden Minister bis hinauf zum Regierungschef die Entschlossenheit, die Aussenposten räumen zu lassen, doch geschehen ist bis jetzt praktisch nichts. Offenbar fürchten die Politiker, sich beim Anfassen dieses heissen Eisens mehr als nur die Finger zu verbrennen. Dass diese Furcht nicht unbegründet ist, bestätigt ein Blick auf die in der Zeit seit der Gaza-Entflechtung neu entstandenen Siedlerorganisationen, welche den offiziellen «Rat der Siedlungen in Judäa und Samaria» rechts überholen wollen, sowohl ideologisch als auch in Bezug auf die zu ergreifenden Aktionen gegen das Establishment. Rechtsanwalt Elyiakim Haetzni etwa, Mitbegründer einer dieser neuen Gruppen, bezeichnete es als erstes Ziel, jene Leute in der Westbank zu rekrutieren, welche, ich zitiere, die «Vertreibung als Verbrechen ansehen, gegen welches sie bereit sind, mit dem Einsatz ihres eigenen Lebens zu kämpfen». Für die Vertreter der neuen, harten Linie in der Siedlergemeinschaft sind die Leute des Rats der Siedlungen «Trittbrettfahrer auf dem Fahrzeug des Staates Israel». Sie sehen wohl, dass der Staat die falsche Richtung einschlägt, würden sich aber auf höfliche Hinweise auf die vor ihnen liegenden Gefahren und Hindernisse beschränken. Oder wie Daniela Weiss, Leiterin des Lokalrates der Westbanksiedlung Kedumim, es formuliert. Ich zitiere wieder: «Der Siedlerrat repräsentiert die Illusion, in welcher wir alle vielleicht gerne gelebt hätten, dass nämlich die Revolution vorbei sei und dass wir alle unsere Energien und Mittel darauf verwenden könnten, uns ein komfortables bourgeoises Leben aufzubauen.» Leute wie Daniela Weiss, die in früheren Jahren vor allem mit ihren gewalttätigen Attacken auf palästinensisches Eigentum von sich reden machte, sehen sich als die einzigen wirklichen Kämpfer an vorderster Front für das Überleben des Staates Israel. Für ihre Kritiker hingegen sind sie ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zu einem Kompromissfrieden und ein gefährlicher Spaltpilz für die israelische Gesellschaft. – Wenn einmal das palästinensische Verhalten einer israelischen Regierung Veranlassung bieten sollte, das seit einiger Zeit bereits formulierte strategische Ziel der Anstrebung einer Zweistaatenlösung in die Tat umzusetzen, wird wahrscheinlich die politische wie physische Opposition der Siedler die Führung des Landes vor Probleme und Konflikte stellen, die weit über das hinaus gehen werden, was wir im Zusammenhang mit dem Abzug aus dem Gazastreifen erlebt haben.
Wo also steht Israels Gesellschaft vier Jahrzehnte und drei Kriege nach dem Sechstagekrieg?
Ich würde meiner Informationspflicht über die Vorgänge in Israel nicht gerecht werden, würde ich nicht zumindest kursorisch auf die nicht abreissende Kette von Skandalen hinweisen, welche seit Monaten Israels Gesellschaft in Mitleidenschaft ziehen und verunsichern. Verzichten wir aber auf eine Einzelauflistung und beschränken wir uns auf generelle Überlegungen. Es steht wohl ausser Zweifel, dass diese schier endlose Reihe echter oder vermeintlicher Sex- und Finanzskandale das Durchstehvermögen der breiten Massen angreifen und Israels Image im Ausland trüben. Vergessen wir aber nicht, dass die Skandale wohl in diesen Tagen ausbrechen, dass ihre Anfänge aber erstens Jahre zurückliegen und dass sie zweitens hauptsächlich dank der politischen, persönlichen und finanziellen Verfilzung in den verschiedenen Etagen von Gesellschaft und Institutionen möglich geworden sind. Dass die Verdachtsmomente auf schwerwiegende Verfehlungen prominenter Persönlichkeiten jetzt derart kumuliert ans Tageslicht gelangen, hat nach meinem Dafürhalten damit zu tun, dass heute im Rechtswesen, aber auch bei den Ermittlungsbehörden neue Besen an der Arbeit sind, die aus welchen Gründen auch immer besonders gut kehren wollen. Langfristig könnte sich dies positiv auf die Führungsschicht und damit auf das Volk auswirken, voraugesetzt, dass man erstens die Besen wirklich kehren lässt, dass sich nicht zweitens herausstellt, dass auch unter ihnen einige bereits von der Skandal-Epidemie befallen sind, und dass drittens der Säuberungsprozess letztlich zur Folge hat, dass fähige und willige Leute – diese gibt es in Israel nach wie vor - in der Besetzung offizieller Ämter wieder einen geachteten Beruf und eine verlockende Berufung sehen, was heute kaum noch der Fall ist. Die Skandale haben die Gesellschaft zwar noch nicht bodigen können, angeschlagen ist sie aber schon und innerlich in Debatten verstrickt. Man stelle sich vor, von einem Regierungschef repräsentiert zu werden, gegen den nicht weniger als acht Verfahren laufen oder in Vorbereitung sind.
Die einigende, schulterschliessende Wirkung, die Israels Kriege im Volk seit jeher
Das hat effektiv auch etwas Gutes an sich. Bis die arabische und palästinensische
Um meine Ausführungen mit dem sprichwörtlichen Blick ins volle halbe Glas zu
So weit die volle Hälfte des Glases. Sie führt mich zur Erkenntnis, dass Israels Gesellschaft heute makroökonomisch viel besser da steht, als vor vierzig Jahren.
Lassen Sie mich enden mit der Feststellung, dass 70 Prozent der Israeli mit dem
Israel bleibt trotz allem ein Licht unter den Nationen, doch immer dringender muss es begreifen lernen, dass dort, wo viel Licht ist, auch viel Schatten ist. Und





















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